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Portrait Ostbottnisches Kammerorchester (1995)

Unentwegt drängendes Leben: wer einmal Juha Kangas und sein Ostbottnisches Kammerorchester mit einer Symphonie oder einem Divertimento von Mozart gehört hat, dürfte begreifen, daß die geographische Nähe mit dem Zugang zur Musik sehr wenig zu tun hat. Wien oder Kokkola? Spielt keine Rolle (Mozart-Flötenkonzerte mit Mikael Helasvuo; BIS/Disco-Center 368).
Kangas, der im November fünfzig wird, stammt aus Kaustinen, dem Zentrum der finnischen Volksmusik, und studierte in Helsinki Violine. Die wichtigste Ausbildung erhielt er, wie Okko Kamu, von Onni Suhonen in dessen Kammermusikklasse. Einige Jahre war er Mitglied des Finnischen Radio-Sinfonieorchesters, doch entsprach diese Tätigkeit auf Dauer nicht seinen Neigungen. Er verließ das Orchester und ging nach Kokkola, ca. 500 Kilometer nordwestlich von Helsinki am Bottnischen Meerbusen gelegen, um am dortigen Konservatorium zu lehren. 1972 gründete er ein Schülerorchester, das schnell zu beträchtlicher Reputation kam, und widmete sich zugleich zusammen mit seinen Brüdern Timo und Olli, die beide noch heute in seinem Orchester spielen, der Volksmusik. Die bis Anfang der Achtziger Jahre aktiven "Kankaan Pelimannit" gelten als eine der authentischsten und besten Folkloregruppen Finnlands.
Dirigent wollte Kangas nie werden. Aber das Orchester, das er "Keski-Pohjanmaan Kamariorkesteri" (oder international "Ostrobothnian Chamber Orchestra") nannte, reifte allmählich zum Studentenensemble, dann zum halbprofessionellen Streichorchester heran, das sich gelegentlich mit Bläsern verstärkte. Platten mit vorwiegend zeitgenössischer finnischer Musik wurden aufgenommen, und schon damals setzte sich Kangas vor allem für das Schaffen seines Freundes Pehr-Henrik Nordgren ein, der seit Mitte der Siebziger Jahre im nahegelegenen Kaustinen residierte. Das erste Werk Nordgrens, das eingespielt wurde, waren die "Spielmanns-Portraits" (Ondine/Helikon 766), eine grandios-spielerische folkloristische Suite. Nordgrens Personalstil ist eigentlich von dunkler Grundfarbe und -stimmung, äußerst dicht und ausdrucksgeladen und mit jenem nordischen Zug tiefer Einsamkeit, der schon Sibelius umgab. Daß durch vieles bei Nordgren eine grenzenlose Melancholie durchscheint, hat seinen Grund auch in der allseitigen Vernachlässigung seiner Musik, seit er die Hauptstadt verlassen hat. Es ist Juha Kangas' wichtigstes Anliegen, die Kompositionen dieses genialen Einzelgängers weithin bekannt zu machen, was bisher mit vielen Ur- und regelmäßigen Wiederaufführungen und vier CD-Produktionen (Ondine/Helikon 737, Finlandia/east-west 350 und 343) geschehen ist.
1989 wurde das Ostbottnische Kammerorchester professionalisiert. 1993 gewann man den wichtigsten Musikpreis der skandinavischen Länder, den Preis des Nordischen Rats, was mit einer CD mit Werken von Grieg (Holberg-Suite), Nielsen (Suite op. 1), Sibelius, Madetoja usw. dokumentiert wurde (Caprice/jpc 21443). Grieg und Nielsen sind absolute Referenzaufnahmen: die rhythmische Elastizität und Leichtigkeit, die bezwingende harmonische Gestaltung, die weitausschwingende Kantabilität und stets tänzerisch federnde Präsenz, der unerschöpfliche Reichtum an Klangfarben, die Kontinuität freudiger und feuriger Hingabe jedes einzelnen an jede spezifische Aufgabe - das gibt den Ostbottniern eine einmalige Stellung unter den heutigen Streicherensembles.

Was bei wohlbekannten Stücken so auffallend anders, so viel lebendiger ist als sonst, das gilt nicht weniger für die Darstellung unbekannter Werke. Neben Nordgren liegt da Kangas vor allem an dem Schweden Anders Eliasson, dessen eruptive und extrem feinnervige Klangwelt höchste Anforderungen an die Ausführenden stellt (Caprice/jpc 21422 und 21381).
In zwei Folgen liegen bei Ondine neuerdings die kompletten Streichorchesterwerke von Rautavaara vor, bunt schillernd zwischen modaler Tonalität, Serialismus und effektvollen Klangstudien. Geplant sind weitere Gesamteinspielungen von Per Nørgård und Erkki Salmenhaara. Und noch Ende dieses Jahres werden die Streichorchesterwerke von Sibelius bei Finlandia erscheinen.
Einhelliges Lob der Komponisten ernteten zwei Kompilationen baltischer Streichermusik mit Werken von Vasks, Balakauskas, Kutavicius, Narbutaite, Tüür, Rekasius, Urbaitis und Juozapaitis (Finlandia/east-west 4509-97892-2 und 4509-97893-2). Peteris Vasks erzählt, wie Kangas die Aufnahme seiner Schlüsselkomposition "Musica dolorosa" nicht zur Veröffentlichung freigab. Vasks beteuert, daß es sich um die bei weitem stärkste Einspielung handelt, doch Kangas hält dagegen, man sei nicht mehr frisch gewesen und müsse es eben ein anderes Mal wieder versuchen. Für den amerikanischen Saxophonisten John-Edward Kelly ist Kangas der Favorit unter den Herren des Taktstocks. Die gemeinsame Produktion mit der Martin-Ballade und den Konzerten von Ibert und Larsson ist als Billigscheibe wiedererhältlich (BMG 74321 27786 2). Kelly bestätigt, daß die Aufnahme quasi live gemacht wurde - das Ergebnis ist frappierend. Gleiches gilt für Cellokonzerte von Carl Philipp Emanuel Bach und Joseph Haydn mit Marko Ylönen (Finlandia/east-west 4509-96869-2). Als Urmusikant läßt Juha Kangas so wenige Schnitte als irgend erforderlich zu, jedoch macht sein sicheres Ohr, die unerschütterliche Konzentration und, bei aller Klarheit der Vorstellung, seine Offenheit und Bescheidenheit gegenüber dem Komponisten dies überhaupt erst möglich. Und natürlich die kontinuierliche Arbeit seit 23 Jahren mit einem Ensemble, in dem heute noch Schüler der ersten Stunde spielen. Da war schon manches lukrative Angebot, das Kangas ohne ein Zögern ausgeschlagen hat.

Christoph Schlüren

(Beitrag für Fono Forum, 1995)