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Die ungeschönte Schönheit der
inneren Natur

Nordische Streichermusik

Die Musik des Nordens gilt bei uns tendenziell als naturhaft und melancholisch. Und die nordische Landschaft wird assoziiert mit Einsamkeit, Kälte und Dunkelheit. Also müßte man derlei Züge bei den meisten Künstlern aus dem Norden finden. Und man findet sie. Der einflußreichste nordische Komponist war Jean Sibelius, und bei ihm war nicht nur seit Adorno von "Symphonien der Tausend Löcher" die Rede, sondern auch in wohlmeinender Ignoranz von "Landschaftsmusik": man stülpte dem bekennenden Symphoniker eine naturalistische Fassade über, weil die Außenseite seiner klingenden Organismen im orchestralen Reichtum sich als höchst ergiebig fürs Illustrative erwies. Daß solcher Zugang nur das Abschmecken des lokalen Effekts erlaubt und dem Erleben der Dynamik des Gesamten im Wege steht, leuchtet ein.
Sibelius' Formdenken ist von einer irregulären Gesetzmäßigkeit durchzogen, was vielleicht mit seiner intensiven Versenkung in die Phänomene der äußeren Natur zu tun hatte. Doch ist die Naturhaftigkeit seiner Musik eine innere - Widerhall auf die Signale dieser Welt, mit denen sie konkret nichts zu schaffen hat. Das gilt nicht nur für den großen Symphoniker, sondern auch für den Meister bescheidenerer Formen. Die Musik zum Schauspiel "Ödlan" (Die Eidechse) ist spinnwebenfeines Gewebe, von lauschender Intimität, staunender Verhaltenheit und transfigurierender Wehmut, und wenn Juha Kangas seine Streicher durch diese Zerbrechlichkeiten steuert, versteht man, daß Sibelius der zauberischste Theaterkomponist seit Mendelssohn war - er läßt die ungeschönte Schönheit der inneren Landschaft vor uns erstehen wie Munch oder Strindberg. Psychoscape: Ist auch dies der nordische Zug? All dem bleiben die Streicher aus Essen unter dem jungen finnischen Komponisten Tuomela fern; da klingt die Eidechse flüchtig, unbeholfen, die asketisch vorgeführte Chromatik wirkt ziellos, die Fermaten und Pausen scheinen unmotiviert. Man schafft es auch in fast sechs Minuten weniger, obwohl man kaum gekürzt (!) hat... Aber Kangas entlockt mit freischwebendem

Rhythmus und vollendeter Zartheit - zugleich jederzeit bereit, das Dämonische emporfahren zu lassen - jedem dieser kleinen Meisterwerke seine spezifische Macht des Gehalts und kreiert den zauberischen Bannkreis des sibelianischen Misterioso. Der neben Allan Pettersson bedeutendste Tonschöpfer seiner Generation in Schweden war Sven-Erik Bäck (1919-94), wie Blomdahl und Lidholm Schüler Hilding Rosenbergs. Wie wenige vermochte er für Streicher zu schreiben und entwickelte einen ganz und gar originären Stil fern bestehender Schulen und in seinem kapriziösen Individualismus unfähig, Schule zu machen. Hoffentlich werden auch seine Werke für Streichorchester zugänglich gemacht - am besten durch Juha Kangas, der mit seinem Ostbottnischen Kammerorchester grandiose Einspielungen von Anders Eliasson (geb. 1947), dem wichtigsten Komponisten im heutigen Schweden, vorlegt (nach essentiellen Beiträgen zu einer Portrait-CD, Caprice 21381). Eliassons Weg führt ständig über den schmalen Grat zwischen inwendiger Kantabilität und verzweifeltem Aufbegehren. Das Violinkonzert ist neben der bisher nicht erhältlichen Saxophonsymphonie sein bislang reifstes Orchesterwerk.
Überträgt sich bei Eliasson eine ungemein bebende Impulsivität, so nimmt Pehr Henrik Nordgren (geb. 1944) den Hörer mit auf vielfältigste Reiserouten durch ein Innenreich, das in seiner stringenten Einheitlichkeit und dem differenzierten Reichtum einmalig und außer Reichweite modischer Bestrebungen ist. Im kreativen Prozeß ein echter "Sklave seiner Themen", ist seine Stimme Träger innerer Naturhaftigkeit und von absoluter Authentizität. Dringende Empfehlung, zumal so gespielt!

Christoph Schlüren

(Beitrag für Frankfurter Rundschau, Januar 1996)