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Anders Eliasson 'Desert Point' for strings (1981)

Desert Point', sein erstes Werk für Streichorchester, komponierte Anders Eliasson 1981 im Auftrag des Växjö Kammerorchesters. Der Anfangsakkord enthält die Essenz des in der Folge sich Entladenden und Zusammenbrauenden, der Katarakte, des Taumels bis an den Rand der Besinnungslosigkeit, der Fruchtbarkeit gefrierender Trillerfiguren; alle Violenz und Zärtlichkeit ist in der Anfangssituation geladen, einem einfachen Gebilde, wo das d im Baß von seiner Quinte verstärkt ist, darüber die Quart archaisch widerstrebt, die None oben maximal zum Fundament opponiert. In dieser minimal aufwendigen Konstruktion sind weitere Schlüsselintervalle wie Tritonus und kleine Sexte beschlossen, sowie ergiebiges Umkehrungspotential, und diese Elemente und ihre Ableitungen sind Hauptträger des horizontalen wie des vertikalen Geschehens im Folgenden. Direkt aus der Initiale schießt, Tempo agitato, massiver Konfliktstoff hervor, wobei das irritierend-bedrohliche Spiel stark aus dem Gegensatz von extremer Mobilität in der Tiefe und widerhakiger Beharrlichkeit in der Höhe gespeist wird. Wild austreibender Kontrapunkt ergreift das ganze Ensemble. Der Beginn des Tranquillo wird von akkordischer Reminiszenz an den Anfang signiert, Eisblumen schwirren süße Dornen, melodische Deszendenz treibt in Trillerfluten, in der Höhe zittert

überfrierende Bewegung. Wieder Rebellion aus dem tiefen Register, Rückkehr des Anfangscharakters mit harschen Attacken in der Höhe, doch eine weiter entmaterialisierte Tranquillo-Phase ist das Ergebnis: eine Flageolet-Welt, die allmählich von Bewegung durchsetzt wird, wobei die Erregung diesmal vom hohen Register aus einsetzt. Das Motorische beißt sich molto marcato in einem wiederum von der kleinen None gerahmten Klang fest und mündet indas eigentliche Barbaro di molto, das Zentrum dieses inneren Kampfes, das auf die Konfrontation G gegen As hinausläuft. In einer äußersten Kraftanstrengung wird das tiefe G verlassen, um wiederum den Nonklang G-As in aggressiven Schlägen zu proklamieren. Die geharnischte Wildheit schlägt um in verharrende Introversion, die ein letztes Mal (im vorhergehenden Abschnitt vorgeprägten) Angriffen und tobendem Impetuoso unterworfen wird, um in einer kurzen 'Rassegnazione' zu ermatten.

Christoph Schlüren

(Einführungstext für Wien Modern,
Konzerthaus Wien 1998)