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Magnus Lindberg

Corrente (1991-92)
Ekstatische Auflösung des Tumults

Magnus Lindberg, geboren am 27. Juni 1958 in Helsinki, ist der international angesehenste jüngere finnische Komponist, und in der Orchestermusik ist er neben dem genialen Einzelgänger Pehr Henrik Nordgren die führende Figur des Landes. Lindberg studierte zunächst mit dem bedeutenden Multistilisten Einojuhani Rautavaara und mit Paavo Heininen. Privatstudien in Paris mit Vinko Globokar und Gérard Grisey schlossen sich an, zudem Kursteilnahmen in Siena bei Franco Donatoni und in Darmstadt bei Brian Ferneyhough. Wie in Finnland nur der hochflexible Rautavaara vor ihm versuchte Lindberg, den seriellen Techniken alle nur erdenklichen Aspekte abzugewinnen. Er galt bald nicht nur als Konstruktivist, sondern - und das beeindruckte seine naturgemäß eher dem Understatement und der weitschweifenden Langsamkeit zuneigenden Landsleute über Gebühr - als Exponent fast hemmungsloser Kraftentfaltung, hoher Geschwindigkeiten und offensiver Härten (Lindberg sieht sich in seiner Liebe zu Geschwindigkeit und Komplexität als "Kind unserer Zeit"). Die Faktur seiner Werke wurde äußerst komplex und dicht, tendierte im elaborierten Handling gelegentlich zur vertikalen Überfrachtung, wobei er allerdings stets Einfallsreichtum und Geschick als Orchestrator bewies. "Mein Instrument ist das Orchester. In ihm kann ich meine musikalischen Ideen am besten zum Ausdruck bringen." Den Gipfelpunkt der Entwicklung zum überbordend Massiven, kontrolliert exzessiv Auftrumpfenden markierte 1985 im wahrsten Sinne des Titels das monumentale Orchesterstück 'Kraft', eine Art sich selbst überwucherndes Passacaglia-Prinzip mit Akkorden von bis zu 70 verschiedenen Tonhöhen. 'Kraft' war ein Riesenerfolg und erhielt begehrte internationale Preise. Im Gegensatz zu Nordgren, der die unerschöpflichen Wege nordischer Einsamkeit und Introspektion ausschreitet, darin ähnlich Sibelius zu ungeheurer Expression und Eigenart findet, ist Lindberg der Typus eines international orientierten Künstlers, der zwar über einen sehr persönlichen Ausdruck verfügt, jedoch immer die seinen Intentionen entsprechende Fusionierung der Mittel, die Nutzung der Methoden und häufig ihre Belastbarkeitsgrenzen suchte. Nordgren lebt zurückgezogen im mittelfinnischen Kaustinen, Lindberg ist in Rom, Berlin, Helsinki und - vor allem - Paris zuhause. Nach 'Kraft' sah sich Lindberg mit der Notwendigkeit einer Kurskorrektur konfrontiert, und die folgende orchestrale Trilogie beschrieb einen Weg zu mehr Durchsichtigkeit und einem ungezwungeneren Fließen: 'Kinetics', 'Marea' und 'Joy', letzteres sogar ein langsames Stück. Das Klavierkonzert von 1991 unterstrich die Tendenz, die manche als "neoklassizistisch" bezeichnet haben, und hiernach enstand das knapp viertelstündige 'Corrente' für sechzehn Instrumente (Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, 2 Hörner, Trompete, Posaune, Klavier, Harfe, Schlagzeug, 2 Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabaß), komponiert 1991-92 und vom Avanti! Kammerorchester unter Sakari Oramo am 5. Februar 1992 in Helsinki uraufgeführt.

Darauf erarbeitete Lindberg aus den gleichen Basisgedanken noch eine 'Decorrente' betitelte reduzierte Version für Klarinette, Gitarre, Vibraphon, Klavier und Violoncello für das Ensemble 'Toimii', in dem er selbst als Pianist mitwirkt, und eine auf über zwanzig Minuten expandierte 'Corrente II' für großes Orchester, die als der Hauptertrag aus dieser Arbeitsphase anzusehen ist. Die Ausrichtung von 'Corrente' ist eine andere als die ihrer Vorgängerwerke: der Dominanz instrumentaler Gestikulation wird entsagt, das Interesse richtet sich auf inneren Zusammenhang der einzelnen Abläufe. Der Titel nimmt direkt Bezug auf den barocken Tanz, was auch wieder der virtuosen Veranlagung in Lindberg entgegenkommt und sich in der Mitte des Stücks in dem kurzen Zitat einer Harmoniefolge aus Henry Purcells 'Music for Queen Mary' niederschlägt.

"Um die harmonische und die rhythmische Welt einander näher zu bringen, entledigte ich mich der Chaconne-Prinzipien der letzten Werke und stützte die Harmonik auf verschiedene Skalenanordnungen. Indem ich diese Skalen kombinierte und verfeinerte oder ausbaute mit zusätzlichen Tonhöhen, die in einer mehr akustisch orientierten Sichtweise der Skalen gründen (als Partialtöne eigentlicher Grundtöne angenommen), konnte ich mich innerhalb einer reichen harmonischen Welt bewegen, ohne tatsächliche harmonische Veränderungen und Fortschreitungen benutzen zu müssen. Das rhythmische Material basierte auf Patterns, Figurenmustern mit ziemlich kaleidoskopischer Anwendung von Wiederholungen und Variationen.

Ich kombinierte diese Figurenmuster und Skalenanordnungen, um dem musikalischen Ausdruck einen "erzählerischen" Sinn innerhalb der Strömungen und Richtungen zu verleihen, die sich in verschiedenen orchestralen Konstellationen umherbewegen... Es ist einer Landschaft vergleichbar, die man aus unterschiedlichen Entfernungen betrachtet; man nähert sich und entdeckt neue Einzelheiten; man entfernt sich und sieht sie als Teil eines größeren Zusammenhangs."

Mit diesem Ansatz der vielbödigen Erfahrbarkeit steht Magnus Lindberg in ideeller Nähe zu Dänemarks großem Komponisten Per Nørgård.

Faszinierend ist in 'Corrente', wie ekstatisch verfließende Klanglichkeit die tumultuöse Grundsituation unterschwellig durchsetzt und auflöst, um dieser zum Ende eine Präzision des Wesentlichen abzufordern, die der Anfang nicht verspricht.

Christoph Schlüren

[Einführungstext für Konzerthaus Wien, 1996]