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Dmitrij Schostakowitsch (1906-75)

Geistreicher Klassizismus – Neunte Symphonie Es-Dur op. 70 (1945)

I Allegro – II Moderato — Coda. Adagio – III Presto/attacca: – IV Largo/attacca: – V Allegretto — Allegro

Dmitrij Schostakowitschs Neunte Symphonie war, nach ihren monumentalen Vorgängerinnen und angesichts der historischen Situation (des soeben siegreich beendeten Krieges), das Gegenteil dessen, was seine Umgebung von einer "Neunten" erwartete: Sie ist ein knappes, präzises, unprätentiöses und streckenweise parodistisches Werk ohne richtigen langsamen Satz. Im Schaffen Schostakowitschs hat sie eine Schlüsselfunktion. Er bricht mit dem Pathos der großen Form und greift mit größerer Reife auf die klassizistischen Mittel zurück, wie er sie in den dreißiger Jahren verwendete. Geist und Souveränität lassen an Haydn denken. Der erste Satz ist ein pfiffiges Sonatensatz-Imitat mit herrlich stolpernden Rhythmen in der Durchführung. Der wiegende Dreivierteltakt des zweiten Satzes (in zweifacher A-B-C-Form mit ersterbender Coda) bleibt, trotz einiger insistierender Momente, verhalten und mysteriös.

 

Fortwährend wird der metrische Fluß gehemmt, indem bei jedem Auftakt ein zusätzliches "Atemhol"-Viertel eingeschoben ist. Das Scherzo ist parodistisch zugespitzt (wie im Finale mit trivialisiertem Trompetenschall), das Largo als Introduktion zum Finale maximal kontrastierend — es ist das einzige Mal, daß Schostakowitsch die Pranke hebt, Urgewalt verspüren läßt. Doch biegt das Fagott nach seinen Rezitativen sanft ab in ein humoristisch balanciertes Allegretto, das zum Schluß hin zirkushaft grimassierend herausfährt.

Christoph Schlüren

[Kurzeinführungstext für Berliner Festwochen, 1997]